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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Barbara Prammer:
Eine Würdigung des Widerstands

Rede von Nationalratspräsidentin Mag. Barbara Prammer anlässlich der Gedenkkundgebung für 61 von der SS ermordete Antifaschisten und Widerstandskämpfer - 7. April 2007, Hadersdorf am Kamp

Sehr geehrte Frau Pazderka,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrter Herr Dr. Streibel,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Auch ich darf Sie zunächst zur heutigen Gedenkkundgebung begrüßen. Ich bedanke mich beim Verein Gedenkstätte Hadersdorf am Kamp für diese Initiative und Ihre Einladung sehr herzlich.

Es ist mir auch deshalb eine besondere Ehre, heute bei Ihnen sein zu können, weil der diesjährige Tag gegen Gewalt und Rassismus und im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Parlament ebenfalls dem Widerstandskampf gewidmet sein wird.

Damit gelingt es uns heuer, einen bisher viel zu selten vertretenen Schwerpunkt unserer Erinnerungskultur auch öffentlich aufzugreifen.

Wir wollen damit die vielen, leider oft unbeachteten Menschen und persönlichen Geschichten des Widerstandskampfes in Erinnerung rufen.

Wir sind es jeder und jedem Einzelnen der Widerstandskämpferinnen und -kämpfer schuldig, dass ihre Geschichte des Kampfes für die Freiheit für alle sichtbar und verständlich gemacht wird.

Denken wir zurück an das Ende des Zweiten Weltkrieges und die historische Chance, die Freiheit Österreichs wieder zu erlangen. Der Weg hin zu dieser Chance muss eine wesentliche Rolle in unserer Erinnerung einnehmen.

Denn viel zu lange standen die Diskussionen um die Frage, ob denn Österreich nur zu den Opfern zählt, nahezu ausschließlich im Mittelpunkt. Dass Österreicher auch zu den Tätern gehörten, wurde lange öffentlich verschwiegen und verdrängt.

Erst als dieses Verleugnen sehr spät aber endlich zu brechen begann, wuchs die Aufmerksamkeit auch für jene Menschen, die sich gegen die Gräuel des Nationalsozialismus und das unbeschreibliche Leid und das unfassbare Unrecht einsetzten und häufig dafür ihr Leben gelassen haben.

So auch an diesem dunklen Tag des 7. April 1945, als hier in diesem Ort, in Hadersdorf am Kamp, die öffentliche Hinrichtung von 61 Antifaschisten die Gräuel der Nazis jedem Einwohner und jeder Einwohnerin unmissverständlich und kompromisslos vor Augen geführt wurden.

Wenn Sie heute im Gedenken an diese 61 Menschen schwarze Ballons mit den Namen der Opfer aufsteigen lassen, dann sollten wir uns Zeit nehmen, und jeden dieser Luftballone genau betrachten.

Denn jeder einzelne von ihnen steht für einen Menschen mit seiner Überzeugung und seinem Mut, die Tyrannei der Nazis nicht einfach hinnehmen zu wollen.

Sie kämpften einen Kampf gegen die Ohnmächtigkeit der Vernunft und der Menschlichkeit.

Wir müssen uns beim Anblick der einzelnen Schicksale, wenn wir später ihre Namen in den Himmel steigen sehen, auch vor Augen führen, unter welchen Umständen die Widerstandskämpfer in ganz Österreich ihren Einsatz und ihren Kampf gegen die Verbrechen der Nazis führen mussten.

Geschwister gegen Geschwister, Kinder gegen ihre eigenen Eltern, und Freunde gegen einander.
Sie alle sind nicht nur im Widerstand gegen ein Regime angetreten, sondern mussten vor allem auch einen Kampf gegen die ihnen nahe stehenden Menschen führen.

All dieses Leid und die Erschütterung, der offene Konflikt im eigenen Haus, die Isolation, die Ungewissheit - das war die traurige Wirklichkeit der Widerstandskämpfer, die sie hinnehmen mussten um ihr politisches Gewissen und ihre Liebe zur Freiheit zu verteidigen.

Auf Hilfe von außen konnten sie dabei so gut wie gar nicht bauen. Denn der totale Terror der Nationalsozialisten und die gemeinsame Sprache des Widerstandes und des Regimes erlaubten nur einen sehr losen Zusammenschluss im Untergrund.
Im Moment der Enthüllung der Identität eines Widerstandskämpfers oder einer Widerstandskämpferin, wurde ihnen kein Zeichen von Solidarität und selten Unterstützung aus der übrigen Bevölkerung zu teil, da auch eine solche mit dem Tode zu bestrafen war.

Während in anderen Ländern die Grenze zwischen Widerstandskämpfern und dem Rest der Gesellschaft - oft auf Grund eines nationalen Gefühls des Zusammenhalts - verwischte, war die soziale und vor allem die familiäre Isolation der Menschen des österreichischen Widerstandes einer ihrer größten Feinde.

Wir schulden den Widerstandskämpfern und kämpferinnen vor allem auch daher unseren aufrichtigen Respekt.

In einer Stunde der Unterdrückung, Vertreibung und Ermordung hielten sie trotz aller Gefahren die Vision einer Gesellschaft der Toleranz und der Demokratie aufrecht. Die Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus und Gewalt.

Daher müssen auch wir es uns zur Aufgabe machen, diese Menschen, ihren Mut und vor allem ihre Visionen niemals zu vergessen.

Ich habe in meinem Leben bereits an vielen Gedenkfeiern und –Kundgebungen teilgenommen. Und jede Einzelne von ihnen ruft mir eine für unser Leben und meine politische Arbeit wichtige Botschaft in Erinnerung.
Dass nichts unseres heutigen, friedlichen, demokratischen Österreichs als Selbstverständlichkeit hingenommen werden darf.

Freiheit, Demokratie, Menschen- und Grundrechte sind Werte die eine Überzeugung brauchen um zu leben - eine Überzeugung die von Menschen jeden Tag aufs Neue getragen werden muss.

Versuchen wir daher, diese Überzeugungen und Werte in unser Leben und in unser Tun stets einzubeziehen.

Im Gedenken an diejenigen, die dafür ihr Leben ließen.

     
 
           
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