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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Die Kremser Hasenjagd - Eine Spurensuche 64 Jahre danach

11/02/2009 Moment - Leben heute / OE1   

Am Ende waren 386 Menschen tot

Am 6. April 1945 lässt der Direktor des Zuchthauses Stein in Niederösterreich das Gefängnis räumen. Hunderte Häftlinge sollten entlassen werden, die genaue Zahl ist unbekannt, unter ihnen befinden sich griechische Widerstandskämpfer und politische Gefangene. Sie kommen nicht weit: Regimetreue Justizbeamte alarmieren die örtliche NSDAP-Führung. Etwa die Hälfte der Häftlinge wird noch im Gefängnishof ermordet, der Rest wird in der Umgebung verfolgt, zusammengetrieben und dann erschossen. Bis zum Abend des 7. Aprils 1945 werden mindestens 386 Menschen ermordet. Nur wenige haben diese Hetze überlebt.

Nach 64 Jahren ist es schwierig, Zeitzeugen zu finden, die sich genau an die schrecklichen Ereignisse erinnern können.

Den Opfern den Respekt zurückgeben
Auch der Großvater von Gerhard Pazderka ist unter den Opfern. 64 Jahre nach der "Kremser Hasenjagd" rekonstruiert er die Ereignisse vom April 1945 in einem Dokumentarfilm. Es ist eine historische und eine sehr persönliche Spurensuche: "Der Hauptgrund so einen Film zu machen ist, dass man das Gefühl hat, das etwas fehlt. Dass Menschen fehlen, und dass die Aufarbeitung dieses Stücks von Geschichte fehlt. Dass man sich vielleicht auch irgendwie als Anwalt der Opfer sieht, und Ihnen das Stück Respekt zurückgeben möchte, dass sie mit den Ereignissen, mit dem Massaker verloren haben", sagt Gerhard Pazderka.

"Linientreue" bis zur letzten Sekunde
Es begann mit einer Entscheidung in der Ausweglosigkeit, damals im April. Die Rote Armee rückt immer näher, der Haftanstalt droht der Proviant auszugehen, Nachschub ist nicht zu erwarten. Der damalige Direktor Franz Kodré gibt Order, das Zuchthaus zu räumen und die Häftlinge zu entlassen. Die Insassen bekommen ihre Kleider ausgehändigt, sogar Entlassungspapiere werden ausgestellt. Was noch an Brot zu finden ist, wird verteilt.

Die Linientreuen unter den Justizwachebeamten sind empört: Auch politische Häftlinge werden freigelassen! Einer alarmiert die NSDAP in Krems mit einer Falschmeldung, im Zuchthaus Stein sei eine Revolte im Gange. Wehrmacht, SS, HJ Volkssturm und sogar Schüler der Nazi-Eliteschule NAPOLA in Göttweig werden mobilisiert. Die Truppen sprengen das Tor zur Anstalt und stürmen den Gefängnishof. Die Insassen, die noch im Zuchthaus auf Papiere, Kleidung und Proviant warteten, werden ohne Warnung niedergemetzelt. Franz Kodré und die Beamten, die ihn unterstützt haben, werden standrechtlich erschossen. Nach den übrigen rund zweihundert Gefangenen beginnt eine regelrechte Treibjagd.

Mantel des Schweigens über verscharrten Opfern
Der Großvater von Gerhard Pazderka, er hieß Alois Westermaier, war seit 1942 in Stein inhaftiert. Nach seiner Entlassung schloss er sich einer Gruppe von Häftlingen an, die sich auf den Weg nach Osten in Richtung Wien gemacht hatte. Sie kamen bis Hadersdorf am Kamp, etwa 10 Kilometer nordöstlich von Krems. Eine im Ort stationierte SS-Einheit nahm die Gruppe fest und ermordete alle 61 entlassenen Häftlinge.

1946 wurden 14 Justizwachebeamte und ein Volkssturmkommandant wegen Mordes vor Gericht gestellt. Das Volksgericht in Wien sprach fünf Todesurteile, fünf lebenslängliche und eine dreieinhalb-jährige Haftstrafe aus. An einigen Schauplätzen des Massakers vom 6. April in der Umgebung von Krems wurden die Opfer exhumiert, an anderen liegen sie bis heute verscharrt. Über die Geschichte wurde geschwiegen, jahrzehntelang. Der Film "Die Kremser Hasenjagd" will die Ereignisse von 1945 mit Zeitzeugen-Interviews nachzeichnen, nach den Spuren von Opfern und Tätern suchen und ein Stück Zeitgeschichte, so sagt es Gerhard Pazderka, "dingfest und angreifbar" machen. Der Film soll im Mai 2009 veröffentlicht werden.

Filmemacher Gerhard Pazderka, dessen Großvater bei der "Kremser Hasenjagd" ermordet wurde, sieht sich als "Anwalt der Opfer". Mit seiner Doku möchte er verhindern, dass sie vergessen werden.

Text: Matthias Däuble


[ anhören MP3 / 12 min / 2,7 MB ]



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