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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Gedenken nur bei Wohlverhalten

05/04/2006 Die Presse   

Für Hadersdorf am Kamp sind 61 Ermordete auch nach 61 Jahren ein Problem.

GASTKOMMENTAR VON ROBERT STREIBEL

61 Jahre und 61 Menschen. Für ein Wortspiel sind die Vorgänge zu traurig. Und das Trauerspiel scheint prolongiert zu werden, denn in Hadersdorf sind 61 Jahre noch zu kurz, um sich angemessen an ein blutiges Stück Ortsgeschichte zu erinnern. Weil ein unabhängiges Personenkomitee vor der offiziellen Feier ein Gedenken auf dem Hauptplatz angekündigt hatte, wurde die Feier der Gemeindevertreter einfach abgesagt, oder besser gesagt, findet nur in der Kirche statt. Und damit soll ein für alle Mal genug sein. Kaum begonnen, schon beendet die Auseinandersetzung. Keine Tafel, kein Gedenken am Friedhof. So einfach geht das. In einer Demokratie gibt es gewisse Dinge offenbar nur bei entsprechendem Wohlverhalten. Gedenken für Opfer des Nationalsozialismus ist in manchen Teilen Österreichs immer noch so eine Sache.

Rückblende: Am 6. April 1945 wurden in Absprache mit einem Häftlingskomitee die Häftlinge des Zuchthauses Stein vom Direktor der Anstalt freigelassen. Ein Teil der nationalsozialistischen Beamten denunzierte diese Vorgangsweise als Revolte und forderte Wehrmacht, SA und Volkssturm an, die ein Massaker im Zuchthaus anrichteten und eine Wachauer Hasenjagd auf die Häftlinge inszenierten.

Bis vor Hadersdorf schaffte es eine Gruppe von Häftlingen, die zu Fuß nach Wien unterwegs war. Angehalten landeten sie im Gemeindekotter. Am nächsten Tag hatten die Häftlinge den Weg durch den Ort zum Friedhof zu gehen, wo die SS sie erschoss. Soweit die Fakten. Da auch zwei Hadersdorfer an diesem Massaker beteiligt waren, war ein Gedenken an diese Bluttat lange Jahre nahezu unmöglich. Hätte nicht ein Überlebender selbst eine Tafel anbringen lassen, die gestohlen wurde, hätte nicht die KPÖ die Exhumierung der Opfer bezahlt, um den Toten ein würdiges Grab auf dem Zentralfriedhof in Wien zu gewährleisten, wäre Gras über die Sache gewachsen.

Als im Jahr 1995 im Zuge eines Kunstprojektes ein groß angelegtes Gedenken in Stein organisiert wurde und Jugendliche 386 Kreuze rund um die Strafanstalt aufstellten und dokumentierten, um wie viele Opfer es sich gehandelt hatte, meldet sich Christine Pazderka, die Tochter eines Opfers von Hadersdorf, beim Autor, die den Wunsch nach einem Gedenken auch in Hadersdorf vorbrachte. Der Bürgermeister, an keinem öffentlichen Gedenken interessiert, montierte still und heimlich am Ende des Friedhofes eine nichtssagende Tafel und dachte, damit sei alles erledigt. Im Jahr 1997 wurden jedoch von einem Überlebenden aus Stein zum ersten Mal öffentlich auf dem Friedhof in Hadersdorf alle Namen der Toten verlesen.

Frau Christine Pazderka und ihr Sohn wollten sich damit nicht zufrieden geben, eine virtuelle Gedenkstätte entstand (http://www.gedenkstaette-hadersdorf.at) und in der Gemeinde schienen sich einige mit dem Gedanken anzufreunden, dass es nun endlich Zeit sei, darüber zu reden. Im November 2005 lud die Vizebürgermeisterin zu einer Informationsveranstaltung, und rund 150 Personen im Saal waren ein mehr als deutliches Zeichen.

In einem eigens dafür eingerichteten Arbeitsausschuss wurden Pläne gewälzt, doch ein öffentlich sichtbares Zeichen, eine Ausstellung, war auch nach 61 Jahren unmöglich. "Warum sich solcher grauslicher Dinge mitten im Ort erinnern", meinte eine Diskutantin. Dass mitten im Ort ein Kriegerdenkmal prangt, neu renoviert und mit tausenden Watt am Abend bestrahlt, als wären Außerirdische in Hadersdorf gelandet, schien für niemanden ein Gegenargument.

Dass ein Gedenkmarsch zu der wieder versteckten Tafel am Friedhof in der Dunkelheit und mit Fackeln erfolgen sollte, ließ nicht nur bei den Pazderkas ein ungutes Gefühl aufkommen. "Bei Tag sind sie erschossen worden, bei Tag sollen wir uns an sie erinnern", so Gerhard Pazderka. Dass ursprünglich gefragt wurde, wie viel die Familie bereit sei, für die Tafel dazuzuzahlen, muss einfach hier erwähnt werden.

In einer Aussendung werden nun vom unabhängigen Personenkomitee alle BewohnerInnen von Hadersdorf eingeladen, am 7. April der 61 Toten zu gedenken und den Weg zwischen Rathaus und Friedhof mit einer Menschenkette zu markieren.

Alle zwei, drei Meter soll ein Mensch stehen und den Platz mit Kreide markieren, so die Idee, und bis zum nächsten Regen wird die Erinnerung sichtbar sein. Ob sich so viele Menschen finden, die mit ihrer Person bei Tageslicht dafür einstehen, dass die Toten nicht vergessen werden? Der 7. April wird zeigen, ob Hadersdorf vor oder hinter Minsk liegt.

Dr. phil. Robert Streibel, geb. 1959 in Krems, Studium der Zeitgeschichte und Germanistik. Direktor der Volkshochschule Wien-Hietzing. Jüngste Buchveröffentlichung: "Juden in Niederösterreich. ,Arisierungen' und Rückstellungen".

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