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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Hadersdorf: Verdrängt

09/1997 MORGEN Kulturzeitschrift aus NÖ   

Am April 1945 wurden in Hadersdorf Kamp bei Krems 61 politische Häftlinge des Zuchthauses Stein auf die brutalste Art ermordet. Am Tag zuvor waren die Häftlinge freigelassen worden, ein Teil der nationalsozialistischen Aufseher hatte diese Aktion des Direktors jedoch als Häftlingsrevolte denunziert. Im Zuchthaus Stein wurden nach offiziellen Angaben 386 Häftlinge ermordet. Bei der Installation „Mene, Mene, Tekel“ am 4. April 1995 in Krems wurden die Namen und Daten der Opfer dieses Massakers während einer Nacht auf eine Plakatwand projiziert.
In einem Beitrag für die Zeitschrift „Das Waldviertel“ (1997/2): „Erinnerung an das Massaker im Zuchthaus Stein vom 6. April 1945“ wurde über die Erinnerungsarbeit an dieses Massaker berichtet. Während die Stadt Krems auch offiziell an diese grauenvolle Tat gedenkt, tut sich Haderdorf dagegen schwer und dies hat Tradition. Auf dem Friedhof außerhalb der Gemeinde hat die KPÖ im Sommer 1945 eine Gedenktafel angebracht, nach der Exhumierung der 61 Opfer im Frühjahr 1946 verschwand diese Tafel, der Friedhof wurde erweitert. Die Toten ruhen heute in einem Massengrab (Gruppe 40) am Wiener Zentralfriedhof. Einen Hinweis auf dieses Massaker wird man in Hadersdorf nicht finden. Die Suche verlief auch für Christine Pazderka am 7. April 1995 erfolglos. „Mit ein paar Blumen in der Hand ging ich zum Friedhof, um ihn herum, in ihn hinein - nichts. Ich habe nicht gefunden, was ich mir doch erwartet hätte - eine Gedenktafel“. So schildert die Tochter von Alois Westermeier, der einer der ermordeten politischen Häftlinge von Stein war, in einem Brief am 10. April 1995 an Bürgermeister Bernd Toms ihre Eindrücke. „Ich habe die Blumen dann zum Denkmal für die in den Kriegen Gefallenen gelegt, die haben wenigstens eines. Dann bin ich schnell aus dem Ort verschwunden. Hier war kein Platz, um meinen Vater zu betrauern. Nicht nur ich verdränge und bin erst nach 50 Jahren zum ersten Mal an den Ort seines Todes gekommen. Auch die Menschen Ihres Ortes verdrängen, oder vergisst man ein solches Geschehnis?“ In seiner Antwort vom 3. Mai 1995 gesteht Bürgermeister Toms ein, dass ihn das Schreiben „innerlich schwer getroffen hat“: „Nach sofortiger Umfrage im Ort kam ich zum Schluss, dass sich eigentlich niemand im Ort an diese Zeit gern erinnert. Es ist verständlich, dass die Generation, die die Jahre bis 1945 miterlebt hat, diese Zeit aus ihren Gedanken verdrängen will.“ Daher ersucht er, „auch uns Hadersdorfer zu verstehen“, gesteht aber ein, dass man der Nachwelt „die unangenehmen Stunden des Ortes zu Kriegsende nicht vorenthalten soll, obwohl diese Generation für ihre Vorfahren nicht verantwortlich zu machen ist. Ich werde im Gemeinderat mit meinen Gemeinderäten die weitere Vorgangsweise beraten.“ Die Beratung im Gemeinderat dauerte lang. Am 11. Dezember bat Frau Pazderka abermals um Nachricht, da seit der ersten Anfrage bereits zehn Monate vergangen waren. Seitdem reagiert der Bürgermeister nicht mehr auf diesbezügliche Anfragen, einmal Betroffenheit genügt. Im März 1996 erkundigte sich Frau Pazderka nach dem Stand der Dinge und erfuhr, dass die Gemeinde Haderdorf keine Tafel für die Toten des 7. April anbringen werde, der Bürgermeister versprach aber, mit dem Kameradschaftsbund (!) zu sprechen. Frau Pazderka lakonisch dazu: „Ich fühle mich gefrotzelt.“ Auf ein Fax und eine schriftliche Anfrage des Verfasser und die Übersendung der Dokumentation im April 1997 hat der Bürgermeister ebenfalls nicht reagiert.
Nach der Presseaussendung vom 26. Juni „Das verdrängte Massaker. Die 61 Toten des Massakers vom 7. April 1945 sind kein Thema für den Bürgermeister von Hadersdorf, Bernd Toms“ und Zeitungsberichten teilt Bürgermeister Toms mit, dass bereits eine Tafel in Auftrag gegeben worden sei, droht aber gleichzeitig mit einer Klage, wenn weitere „Abhandlungen“ geplant sind, „die nicht auf der wahrheitsgetreuen Wiedergabe gründlicher Recherchen bzw. vorheriger Kontaktaufnahme mit uns beruhen.“ Wenige Tage nach den Presseberichten ist die Gedenktafel bereits an der Innenseite des Friedhofes montiert, in einem Artikel der „Niederösterreichischen Nachrichten“ erneuert Bürgermeister Toms seine Klagedrohung.
Wenn Kritik sofort mit dem Ruf nach dem Rechtsanwalt beantwortet wird, so zeugt das wohl eher von einem schlechten Gewissen. Die schnelle Montage der Tafel - ohne Feierlichkeit, ohne Zeremonie, ohne Verständigung der Angehörigen legt den Schluss nahe, dass hier eine Gedenktafel als Ersatz für das Nachdenken fungiert.
Robert Streibel

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