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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Hadersdorf am Kamp: Ein VP-Bürgermeister sieht rot

06/2006 nVs - Neue Volksstimme   

Von Willi Weinert

Er hoffe, meinte Gerhard Pazderka, dass man ihn halbwegs gut höre, obwohl die Gemeinde Hadersdorf ein Stromkabel verweigert hat, um ein Mikrofon anschließen zu können. Es ist einer der noch spärlichen sonnigen Spätnachmittage am 7. April 2006, als sich mehr Menschen auf diesem Hauptplatz in der am Kamp liegenden Gemeinde Hadersdorf zu einer Enthüllung eines provisorischen Denkmals eingefunden haben, als hier vor 61 Jahren von der SS erschossen worden sind.

Es waren 61 Menschen, die hier von der SS zusammengesammelt und zum etwa 300 Meter entfernten Friedhof getrieben wurden, wo sie ihr eigenes Grab schaufeln mussten. Erschossen und erschlagen verscharrte man ihre Körper an der Friedhofsmauer.

Angesichts des nahenden Endes des Naziregimes veranlasste am 6. April 1945 der Gefängnisdirektor der Zuchthausanstalt Stein a.d. Donau Franz Kodré, die dort einsitzenden politischen Häftlinge zu entlassen. Diese sammelten sich im Gefängnishof und warteten auf die Ausfolgung ihrer persönlichen Effekten. Es war ein sich über Stunden hinziehender Vorgang. Dutzende Häftlinge verließen hatten bereits das Areal verlassen. Die Vorgänge blieben in Krems/Stein nicht unbemerkt. Eine SS-Einheit rückte an, sprengte das Gefängnistor und erschoss, einschließlich des Direktors Kodré, 229 Häftlinge. Die Häftlinge, die sich bereits entfernt hatten, wurden in den umliegenden Gemeinden verhaftet und nach Hadersdorf gebracht, verbrachten die Nacht im Gemeindekotter und wurden am 7. April 1945 vor einer SS-Einheit ermordet. Es waren, wie in Stein auch, vorwiegend politische Häftlinge; nicht nur Österreicher, sondern auch Griechen, Tschechen und andere Nationalitäten.

Einer hat durch Zufall überlebt: Franz Fuchs, ein Kommunist, der nach der Befreiung darüber informierte, was da in Hadersdorf geschehen ist. Es dauerte ein Jahr, bis man die Leichen exhumierte und obduziert hat. Der Großteil blieb, weil keine Gefängnismarken mehr beim Leichnam vorhanden waren, anonym. Lediglich die Hälfte (32) der Leichen konnten namentlich erfasst werden. Darunter befanden sich sieben österreichische Kommunisten.

Die KPÖ veranlasste (und bezahlte) die Überführung der Opfer in die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof, wo im Mai 1946 eine Gedenktafel enthüllt wurde.

Eine Tafel, die nach dem Krieg auf Initiative des Franz Fuchs am Friedhof angebracht worden ist, wurde nach der Exhumierung der Leichen sofort entfernt. Nichts sollte an das Massaker in diesem idyllischen Ort und vielleicht gar an die willigen Mithelfer aus der Gemeinde erinnern. Lediglich eine mickrige Metalltafel hängt im Areal des Dorffriedhofs. (s. Bild)

Die Tochter eines in Hadersdorf ermordeten Kommunisten und ihr Sohn, Christine und Gerhard Pazderka, bemühen sich nun seit einigen Jahren, für diese Ermordeten ein würdiges Denkmal am Hauptplatz zu bekommen, auf dem bislang nur ein imposantes und erst im Vorjahr renoviertes Kriegerdenkmal an die Soldatenopfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs erinnert. 1995 fanden die ersten Bemühungen in dieser Richtung statt. 1997 wurden erstmals von dem damals noch Überlebenden Franz Fuchs die Namen der Toten auf dem Friedhof in Hadersdorf verlesen. Im vorigen Gedenkjahr 2005 startete die Familie Pazderka erneut ihre Aktivitäten. Es wurde ein Verein gegründet und eine Homepage eingerichtet (www.gedenkstaette-hadersdorf.at). Im November 2005 wurde von der Hadersdorfer VP-Vizebürgermeisterin zu einer Informationsveranstaltung geladen, und ein Arbeitsausschuss sollte sich der Thematik annehmen. Doch nach wenigen Zusammenkünften ist dieser entschlafen. Ganz offensichtlich bestand seitens der Gemeinde unter dem VP-Bürgermeister (und Landtagsabgeordneten) Bernd Toms, überhaupt kein Interesse, sich diesem Teil der Geschichte Hadersdorf offen zu stellen. Hier, in dieser verschlafenen Gemeinde des Weinviertels, war und ist das Leben eben so, wie es in den meisten Gemeinden Österreichs und den Köpfen der überwiegenden Bevölkerung in diesem Land seit 1945 war; von der Mitschuld an den Verbrechen des Naziregimes wollte man nichts wissen – vom Widerstand gegen selbiges sowieso nicht. Seine Akteure wurden mehrheitlich als Vaterlandsverräter gesehen, die den an der Front „für die Heimat kämpfenden“ Söhne und Väter in den Rücken fielen. Diese erfüllten, wie man ein Altbundespräsident Österreichs, ihre „Pflicht“ als Soldaten, waren im Partisaneneinsatz oder führten noch fünf Minuten vor 12 Kinder in den Abwehrkampf gegen den „Bolschewismus“, oder, wie in Hadersdorf, nahmen Verhaftungen der entlassenen Häftlinge vor um sie der Ermordung durch die SS zuzuführen.

Ein Denkmal, so VP-Bürgermeister Toms, würde nicht ins Zentrum Hadersdorf passen. Und dann kam, von der „Presse“ befragt, aus ihm, dem Nachgeborenen, der ganze geistige Dreck heraus, den man seit 1945 kennt. „Man muss die Stimmung in der Gemeinde berücksichtigen. Wir sind jung und haben mit alledem nichts am Hut. Ich sehe nicht ein, dass sich eine ganze Gemeinde in Geiselhaft nehmen lassen soll. Krieg ist Krieg. Es ist fürchterlich, was damals passiert ist. Es hat auch nachher Verbrechen gegeben, Nazis sind aufgrund von Denunzianten-Aussagen erschossen worden.“ (Streit um Gedenkstätte in Hadersdorf, in: »Die Presse«, 27.3.2006, S. 11)

Man sieht, dieser saubere Herr Landtagsabgeordnete Toms, der in diesem Interview auch noch unterstellte, dass manche aus dem Gedenken „anscheinend ein Geschäft machen“, steht geistig, Schulter an Schulter und Koppel an Koppel mit den „Vaterlandsverteidigern“ von Nazimal, noch im Schützenloch vor Stalingrad.

Zurück zur Gedenkveranstaltung. Nachdem einleitende und die Sache erläuternde Reden gehalten wurden, enthüllte Frau Pazderka das provisorische Denkmal, das, einer quadratischen Säule gleich, an den vier Seiten von den Umständen des Massakers berichtete und die Biografien der Ermordeten (manche mit Fotos) zeigte. Danach nahmen sich die Teilnehmer Schulkreiden, mit denen sie die Namen der Opfer auf die Verkehrsflächen hin zum Friedhof schrieb.

Nachdem die Veranstaltung beendet war und die TeilnehmerInnen gegangen waren, ließ der Bürgermeister von der Feuerwehrjugend die Namen von der Straße waschen („Diese Schmierereien sind zu entfernen“) und das provisorische Denkmal entfernen. Der Verein wird einen Strafbescheid bekommen, von einer Bestrafung wird der Herr Bürgermeister aber generös absehen. Es waren, so meinte er, eh nur 20, 30 Leute hier, in erster Linie Wiener. Noch dazu aus dem linken Spektrum und Kommunisten, meint der saubere Landtagsabgeordnete hervorheben zu müssen. Anno Nazimal hätte man selbiges „Gesindel“ verhaftet und eingesperrt, wie eben jene, an die an diesem Tag gedacht worden ist. Diesmal muss sich Herr Toms damit begnügen, sie (seinem Verständnis als Landespolitiker nach) zu denunzieren.

Die SJ verlangte nach diesem „Auftritt“ von Toms, dessen Rücktritt. Die Geschäftsführerin der SP-Niederösterreich, Karin Kadenbach, stellt sich die Frage, wie das mit dem Eid auf die Republik zu vereinbaren ist, den Toms abgelegt hat. Dieser aber versteht die Aufregung nicht, denn alles war legal. Die Straße musste ja vor der Palmprozession von diesen „Beschriftungen befreit“ werden und im Übrigen hätte es am 7. April eine würdige Gedenkfeier in der Pfarrkirche gegeben (FN/ vgl. Leserbrief von Toms, in »Die Presse«, 12.4., S. 30).

Die Idee, dass zwischen den ermordeten Häftlingen, die größtenteils Politische waren, und der Kirche kein Zusammenhang besteht, scheint sich dem VP-Bürgermeister Toms ganz offensichtlich nicht zu erschließen. Aber er wird wohl zur Kenntnis nehmen, dass die, die für diese Ermordeten ein Zeichen der Erinnerung setzen wollen, das nicht mit religiösen Brimborium verwischen, und schon gar nicht in einem Sakralraum, fernab des öffentlichen Lebens, abgehandelt wissen wollen. Das Erinnern und Mahnen wird so wie deren Ermordung in Hadersdorf ein öffentliches sein müssen. Daran wird, 60 Jahre nach dem Massaker, kein Weg vorbeiführen.

Es ist eine Schande, dass in diesem Land noch solche politischen Mandatare agieren können, wie dieser Bürgermeister aus der Gemeinde Hadersdorf am Kamp.

Die in Hadersdorf am Kamp ermordeten Kommunisten

Cech Franz: 27.5.1892; Eisenbahner; Wien; vh.18.5.1943, vu. 29.9.1943 zu 3 Jr. Zuchthaus;
Fiala Franz: 26.6.1903; Eisenbahner; Wien 11; vu. 25.10.1944;
Führich Leopold: 26.6.1902; Gasarb.; Wien 21; vh. 21.7.1941, vu. 13.5.1943 zu 6 Jr. Zuchthaus;
Jech Leopold: 1.10.1898; Maschinenschlosser; vu. 28.4.1944 zu 3 Jr. Zuchthaus; Stein/D.;
Stillner Friedrich: 6.8.1897; Werkzeugfräser; Wien 21; vh. 29.11.1941, vu. 5.1.1943 zu 10 Jr. Zuchthaus;
Vranka Franz: 17.10.1875; Bäckergeh.; Wien 16; Stein/D.;
Westermeier Alois: 1.9.1912; Metalldreher ; Wien 15; vh. 10.8.1942, vu. 11.2.1943; Stein/D.;


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