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Die Ereignisse in Hadersdorf am Kamp am 6. und 7. April 1945

Ein Jahr später: Exhumierung der Ermordeten

Zwei Jahre später: Der Prozess gegen einige Verantwortliche

Liste der 61 Opfer und deren Kurzbiografie

Augenzeugen berichten

Erinnern & Vergessen seit 1945

Pressespiegel

   

Augenzeugen berichten

Franz Fuchs, Wien
überlebte das Massaker

Ich war Häftling in der Strafanstalt Stein an der Donau. Am 6.4.1945 wurden wir Häftlinge entlassen, allerdings ohne Entlassungsschein. Wir haben uns natürlich nicht viel Zeit zum Umziehen gelassen, sondern getrachtet, so rasch als möglich weiter zu kommen. Ich habe mich mit einer Gruppe von acht Mann Richtung Wien in Bewegung gesetzt. In der Bahnstation Rohrendorf haben wir Halt gemacht, weil wir dachten, dass wir noch einen Zug nach Wien bekommen würden. Dort wurden wir auch vom Volkssturm angehalten, demgegenüber wir erklärten, dass wir aus der Strafanstalt Stein entlassen worden seien. Der Kommandant hatte einen Kurier nach Stein geschickt, um unsere Angaben zu überprüfen, der nach Rückkehr erklärte, dass die Sache in Ordnung gehe. Da wir keinen Zug mehr bekommen haben, haben wir unseren Weg zu Fuß fortgesetzt. Hierbei erfuhren wir von einer Frau, dass in Stein eine Schießerei sei und dass man auf die entlassenen Häftlinge eine Jagd mache. Wir haben nun sofort unsere Zivilkleider, die wir mit hatten, angelegt und gingen dann weiter. Als wir nach Hadersdorf kamen, wurden wir von der SS angehalten, wurden ziemlich grob behandelt, in einen Gasthof geführt und mussten dort warten. Nach und nach sind immer weitere Häftlinge dazu gekommen und bis abends werden wir ca. 40 Personen gewesen sein. Wir wurden dann alle in den Gemeindearrest geführt und vom Volkssturm überwacht. Die Volkssturmleute waren aus dieser Gegend dort, was man aus ihrer Mundart feststellen konnte. Wiener waren nicht dabei.

Wir haben schon bei unserer Einlieferung in den Gemeindearrest dagegen protestiert und erklärt, dass wir entlassen worden sein und unsere Sachen mitbekommen hätten und nicht verstehen können, warum wir hier wieder festgehalten werden. Es hat uns aber nichts genützt. Am ersten Tag ist Herr Kuen gekommen, wie wir erfahren haben, war er Ortsgruppenleiter von Hadersdorf. Ein Irrtum ist hier ausgeschlossen, weil ich mich an sein Gesicht noch sehr gut erinnern kann. Er ist schon am Morgen gekommen und ich glaube, dass ich ihn auch schon abends gesehen habe, als wir vom Volkssturm übernommen wurden. Kuen hatte damals einen Überschwung und eine Pistole und war bekleidet mit einem Jägeranzug. Er hatte so einen kurzen Jägerrock. Wir haben dann am Vormittag Aufklärung verlangt, was mit uns eigentlich geschieht. Es haben einige mit ihm gesprochen, und er ist vielleicht zweimal oder dreimal herangekommen. Ich selbst habe zu Mittag noch einmal mit ihm gesprochen, und da sage er mir, die Sache sei bei uns schon geklärt. Er habe nach Stein geschickt und die Mitteilung bekommen, dass wir entweder nach Stein zurückgebracht werden oder es kommt aus Stein ein Beamter her, der uns hier die Entlassungsscheine ausstellt. Eine Gruppe von vier Leuten, die bereits Entlassungsscheine hatten, ist dann von uns weggekommen, während wir anderen bleiben mussten.

Nachmittags, die genaue Zeit weiß ich nicht, ist Kuen dann mit einer ganzen Gruppe von höheren SS-Offizieren zu uns in den Kotter gekommen. Wir wurden vom Vorraum in den zweiten Raum zurückgedrängt und der eine Offizier sagt: „Aha, da sind diese Schweine“. Wir wurden nun aus dem Gemeindekotter heraus getrieben, mussten uns draußen aufstellen, wurden unter Misshandlungen auf den Hauptplatz geführt, wo uns Schaufeln in die Hand gedrückt wurden und nun wurden wir hinter den Hadersdorfer Friedhof getrieben, wo wir uns in einer Mulde aufstellen mussten. Die SS hat dort einen Platz abgesteckt wo wir eine Grube ausschaufeln mussten. Ich war gleich bei der ersten Schauflerpartie und nach einiger Zeit wurden wir von den anderen abgelöst. Wir mussten unsere Mäntel ausziehen und alles auf einen Haufen zusammenlegen. Als ich mit einer Gruppe wieder zum Schaufeln kam, begann ein Offizier einige Leute einzeln herauszurufen und verschiedenes auszufragen. Ich erinnere mich noch gut, dass er zu dem Ersten sagte: „Was bist Du? Ein Wiener bist Du? Ein Schwein bist Du!“ und hat ihn dabei einige mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Da wir vorher schon besprochen hatten, dass wir, falls wir befragt werden sollten, auf keinen Fall angeben, dass wir politische Häftlinge seien, sagte ich, als ich nun hinaus gerufen wurde, dass ich wegen Verkaufs von Reichskleiderkarten zu vier Jahren verurteilt worden sei. Der Offizier fragte dann: „Wo habt Ihr die Waffen?“. Ich sagte, dass wir keine Waffen haben, darauf sagte der Ortsbauernführer Sumetsberger, der dabeistand: „Reden Sie nicht, ich habe ja gehört wie Ihr von der „Krachen“ gesprochen habt. Tatsächlich haben wir auf dem Weg von Rohrendorf nach Hadersdorf auf der Kampbrücke Halt gemacht und davon gesprochen, dass wir als politische Häftlinge bei unserer Rückkehr vielleicht mit allem Möglichen zu rechnen hätten und dass es gut wäre, wenn wir „Krachen“ hätten. Sumetzberger hat auf mich gezeigt und sagte: „eben Sie haben doch gesprochen von „Krachen“, wo habt Ihr sie?“

Der Offizier fragte mich dann noch, ob ich wisse, was mit uns geschieht, worauf ich sagte: „Ja, ich muss sterben.“ Er meinte darauf: „Sie haben also abgeschlossen mit Ihrem Leben?“ und ließ mich zurückstellen. Er ließ mich dann noch einmal hinaus rufen und fragte mich, ob ich je eingerückt gewesen sei und da ich bemerkte, dass er für die Sache etwas übrig hatte, sagte ich, dass ich mich, nachdem ich in einigen Wochen schon frei gehen sollte, bereits in der Strafanstalt Stein zur Wehrmacht gemeldet hätte. Daraufhin wurde ich zur Seite gestellt. Die anderen mussten weiter die Grube ausschaufeln. Es befand sich auch ein Häftling darunter, der durch die, auf dem Weg zum Friedhof erlittenen Misshandlungen, nicht mehr die Kraft zum Schaufeln hatte und dies auch sagte. Der Offizier befahl hierauf „umlegen!“. Er wurde aus der Grube herausgezerrt und zwei Mann haben ihn erschossen. Ich wurde nun dem Hilfsaufseher Janitschek, der mich wieder nach Stein zurückbringen sollte, übergeben. Mit diesem habe ich nun den Platz verlassen. Wir gingen durch Hadersdorf durch und als wir zur Trafik kamen, mussten wir anhalten, weil ein Funktionär der NSDAP dem Janitschek einen Brief für den Kreisleiter nach Krems mitgegeben hat, denn vorerst musste ich zur Kreisleitung nach Krems gebracht werden. Während wir warteten, kam Kuen dazu und fragte, was mit mir los sei, worauf ich sagte, dass ich nach Stein zurückgehe und habe ihn auch den ganzen Vorfall mit dem SS-Offizier geschildert. Er meinte dazu: „Da haben Sie aber Glück gehabt“.

Mittlerweile kamen drei Jugoslawen in Sträflingskleidung heran und der Mann, der dem Janitschek dann den Brief übergeben hat, sagte: „Da kommen noch drei“ und zu Kuen sagt er:“ Du gehst ja sowieso hinaus, nimm die gleich mit.“ Kuen sagte zu den Jugoslawen „Kommt mit“ und ging mit ihnen Richtung Friedhof weg. Ich nehme an, dass auch sie zur Hinrichtungsstätte geführt wurden.

Ich wurde dem Kreisleiter in Krems überstellt, der auch den besagten Brief übernahm. Vorher hat aber noch der Sekretär des Kreisleiters diesen Brief gelesen, worauf er – wie ich bemerkte – förmlich einen Nervenschock bekam. Ich wurde in der Folge wieder in die Strafanstalt Stein überstellt, von wo ich am nächsten Tag mit den anderen Häftlingen auf Transport gehen musste.

Hauptverhandlung am Volksgericht Wien, Zeugenaussage, 28. März 1947

     
 
           
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